Unsere Turniertierärzte: Begeisterung für den Sport

Pferde auf Turnieren zu betreuen, ist eine ganz besondere Aufgabe. Wir haben in unserem Verbund viele, die als Turniertierärztin oder Turniertierarzt in den verschiedenen Disziplinen im Einsatz sind: Von Vielseitigkeit, Dressur, Springen, Distanzreiten, Parasport bis zum Mannschaftstierarzt – es ist alles vertreten. Wie man Turniertierarzt wird, welche Kompetenzen man braucht und was einen in diesem Bereich erwartet, erklären Dr. Annette Wyrwoll von der Pferdepraxis Neuhof, Dr. Malte Harland von der Pferdeklinik Mühlen, Dr. Elena Battagion von der Tierarztpraxis Wenzel & Dohse und Malte Penning von der Tierklinik Lüsche.

Kein Wettkampf ohne Veterinär: Egal, ob bei Europameisterschaften, Deutschen Meisterschaften, beim Vielseitigkeitsturnier in Mechtersen oder beim ländlichen Dressur- und Springturnier um die Ecke, eine Pferdesportveranstaltung darf nicht ohne Turniertierarzt stattfinden, unabhängig der Disziplin und ob es national oder international ausgeschrieben ist. Grundsätzlich soll ein Turniertierarzt sicherstellen, dass die veterinärmedizinische Versorgung der Pferde rundum abgedeckt ist. Zu seinen Aufgaben gehören Medikationskontrollen, Kontrollen der Equidenpässe inklusive Impfstatus, Pferde- und Fitnesskontrollen, Verfassungsprüfungen und die Versorgung bei Notfällen. Wenn jemand Turniertierarzt werden will, dann geht das nur, wenn er einen gewissen Bezug zum Sport hat“, so Dr. Annette Wyrwoll, die als FEI-Tierärztin u.a. seit über 25 Jahren bei der Vielseitigkeit Marbach im Einsatz ist. „Bei mir ist es die Passion und Bindung zum Turniersport“, pflichtet ihr Dr. Malte Harland, FEI Official Veterinarian, bei. „Man muss viel Engagement zeigen, es sind immer Wochenendveranstaltungen, aber man hat viel mit Kunden zu tun, trifft Leute von früher, kann Akquise betreiben und sieht die Welt.“ Ansprechpartner vor Ort sind bei nationalen Veranstaltungen
der Beauftragte der Landeskommission, der Technische Delegierte und der Jury Präsident. Liegt ein Sachverhalt vor, muss der immer gemeldet werden mit einem Richter/Steward als Zeugen. „Das Wichtigste für einen Turniertierarzt ist, dass man eine Situation innerhalb kürzester Zeit einschätzen und dementsprechend reagieren kann“, betont Dr. Elena Battagion, FEI-Tierärztin u.a. auf Vielseitigkeits- und Distanzturnieren.
Am häufigsten treten Verletzungen auf, es gibt Koliken, (schwere) Lahmheiten und disziplinspezifische Krankheiten bspw. auf der Rennbahn oder bei Distanzritten mit längeren Strecken. Bei letzterem können auch metabolische Krankheiten auftreten, bei denen das Pferd infundiert werden muss, was auf Dressurturnieren normalerweise nicht passiert. Dr. Annette Wyrwoll sagt: „Ich plädiere dafür, als Turniertierärztin
einfühlsam zu agieren. Kontrollen müssen verhältnismäßig sein. Wenn ich auf dem Abreiteplatz etwas sehe, was nicht tierschutzkonform ist, gehe ich zum LK-Beauftragten. Erst einmal im Kleinen einwirken, ist meine Devise. In der Funktion als Turniertierärztin ist Fingerspitzengefühl und Übersicht gefragt und man sollte immer erst fürs Pferd, für den Sport und für den Reiter agieren.“

Der Turniertierarzt muss immer eine Grundausrüstung dabei haben: Doping Kit, Medikamente für Koliken und Verletzungen, Verbandsmaterial, kleine Chirurgie, Nasenschlundsonde, Castbinden, Monkey Splints, Euthanasiemedikamente, je nach Turnier und Jahreszeit ausreichend Infusionsflüssigkeit. Die Anforderungen unterscheiden sich national und international in manchen Punkten. Ein nationaler Turniertierarzt kann jeder Veterinär sein. Fortbildungen zur Betreuung von Pferdesportveranstaltungen und andere Themen sind mindestens einmal im Jahr verpflichtend. International wird unterteilt in Permitted Treating Veterinarians (PTV) und in Official Veterinarians (OVs) auf Level 1 bis 4. Wer „Treating Vet“ werden möchte, muss die englische (Fach)sprache beherrschen, sich bei der FEI anmelden und braucht zwei Bürgen (einer davon muss mindestens als Official Vetenarian Level 2 gelistet sein). Die Anmeldung muss von der nationalen Föderation genehmigt werden. Außerdem muss man einen FEI-Präsenzkurs besuchen. Hat man das geschafft, ist alle drei Jahre ein Online-Seminar zu absolvieren. TreatingVets können arbeiten als behandelnde Tierärzte, Mannschaftstierärzte, persönliche Tierärzte, Holding Box-Tierärzte und Veterinärkontrollbeamte. „Als Mannschaftstierarzt passiert ganz viel im Vorfeld“, berichtet Malte Penning, der die deutschen Dressurpferde der Para-Reiter betreut. „Ich besuche auch die Kaderlehrgänge und mache Hausbesuche bei den Reitern, damit ich die Pferde kenne und sie engmaschig bis zu den Championaten begleiten kann. Vor Ort habe ich dann im besten Fall nicht mehr viel zu tun.“ Als Mannschaftstierarzt ist Malte Penning Mitglied der Teamleitung und auch in Entscheidungsprozesse mit eingebunden. Official Veterinarians Level 1 müssen von ihrer nationalen Föderation benannt werden, die englische Sprache A2 beherrschen, als Treating Vet gelistet sein und mindestens drei Jahre Berufserfahrung haben. Insgesamt gibt es vier Levels für OVs, die nach und nach erreicht werden können. Für das nächsthöhere Level werden gesteigerte Englischkenntnisse, Erfahrung als Official Veterinarians und ein Mindestanzahl an betreuten Veranstaltungen benötigt. Regelmäßige Schulungen sind für alle Pflicht. Für den Distanzbereich gibt es Endurance Official Veterinarians.

Ein offizieller Tierarzt Level 1 fungiert als Veterinary Services Manager (VSM) und ist für die Organisation der veterinärmedizinischen Infrastruktur und Dienstleistungen bei einer internationalen Veranstaltung verantwortlich. Ein offizieller Tierarzt Level 2 bis 4 trägt
die Gesamtverantwortung dafür, dass alle FEI-Regeln, -Vorschriften und -Bedingungen des Zeitplans bei einer internationalen Veranstaltung umgesetzt werden und dass die kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen allen Funktionären und anderen wichtigen Interessengruppen respektiert und aufrechterhalten wird. Ein offizieller Tierarzt der Stufen 3 und 4 ist für die Organisation der Veterinärkommission verantwortlich.
Die OVs erstatten dem Präsidenten der Jury Bericht und senden einen Bericht an die FEI. Auch das Arbeitsumfeld und das Arbeiten gestaltet sich international etwas anders als national. Auf einem FEI-Turnier muss der Tierarzt jedes Pferd, das auf den Turnierplatz kommt, identifizieren. Die Temperatur muss gemessen und in die FEI App eingetragen werden. National werden die Pferde nur punktuell vom Turniertierarzt
per Equidenpass identifiziert. Auf einem FEI-Turnier sind immer mindestens zwei Tierärzte: ein Official Veterinarian (Veterinarian Delegate), der die Verantwortung trägt, und ein Permitted Treating Vet, also der behandelnde Tierarzt, der die Pferde versorgt. Grundsätzlich gilt für Veranstaltungen: Abhängig von der Pferdezahl muss pro 200 Pferden ein Treating Vet und pro 400 Pferden ein Veterinarian Delegate vor Ort sein.

„Wichtig ist, dass man das Reglement kennt“, betont Dr. Elena Battagion, „das allgemeine und das disziplinspezifische, LPO und FEI.“ Das Honorar regelt national die GOT (mindestens 366 Euro einfacher Satz pro Tag, je nach Bundesland) plus Fahrtkosten und Unterbringung,
international gibt die FEI die Sätze vor (ab 200 Euro/Tag). Der Einsatz eines Turniertierarztes ist zeitaufwendig und erfordert großes Engagement. „Außerdem sollte man ein selbstbewusstes Auftreten haben und sich der Lage bewusst sein, dass in der heutigen Zeit alles
gefilmt und übertragen wird“, gibt Dr. Elena Battagion zu Bedenken. „Man braucht Rückgrat und darf keine Angst haben. Manchmal muss man auch über seinen Schatten springen.“ Dr. Annette Wyrwoll engagiert sich nicht nur auf den großen Events, sondern vor allem auch im ländlichen
Bereich: „Ich versuche die Kosten für Turnierveranstalter möglichst gering zu halten und versuche, sie zu unterstützen, weil ich ländliche Events wichtig finde. Ich wäre ohne die Unterstützung meines Reitvereins und meines Reitlehrers nicht da, wo ich heute bin. Das möchte ich ein Stück weit zurückgeben.“
Autor: Nicole Sollorz

LPO 2024
In der neuen LPO, die seit Anfang 2024 gilt, wurde die tierärztliche Versorgung neu geregelt. Grundsätzlich ist immer noch die Anwesenheit eines Tierarztes über das gesamte Turnierwochenende vorgesehen. Neu ist: Bei Dressurprüfungen und in begründeten Fällen auch bei Springprüfungen kann, insbesondere dann, wenn trotz ernsthaften Bemühens kein Tierarzt zur ständigen Anwesenheit verpflichtet werden kann, mit Genehmigung der zuständigen Landeskommission zwischen Veranstalter und Turniertierarzt eine Rufbereitschaft vereinbart werden. Wie diese auszusehen hat, ist in § 40.2 LPO 2024 definiert. Die Rufbereitschaft gilt nicht für Vielseitigkeitsprüfungen, Teilprüfung Gelände, sowie Geländeprüfungen Reiten und Fahren. Hier bleibt die Anwesenheit eines Tierarztes vorgeschrieben.

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